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DIE FREUDLOSE GASSE (1925). Edition Film + Text 10: DIE FREUDLOSE GASSE (D 1925, R: Georg Wilhelm Pabst), DVD, 140’, Regionalcode 0, PAL, deutsche Zwischentitel // Armin Loacker (Hg.): Wien, die Inflation und das Elend. Essays und Materialien zum Stummfilm DIE FREUDLOSE GASSE. Wien: Filmarchiv Austria 2008, 239 Seiten, Abb.
ISBN 978-3-901932-94-6, € 28,90
 
DIE FREUDLOSE GASSE (1925). Edition Filmmuseum 48. 2 DVD mit Booklet (18 Seiten). Regionalcode 0, PAL, DVD 1: DIE FREUDLOSE GASSE (1925), 151’, deutsche und englische Zwischentitel // DVD 2: DER ANDERE BLICK (1991/2009), Doku, 111’, PABST WIEDERSEHEN (1997), Doku, 21’, Outtakes und Intakes (1925), 14’, u.a.
München: Edition Filmmuseum 2009, € 29,95
 
Wer sich für das Weimarer Kino, für Greta Garbo, Asta Nielsen oder Georg Wilhelm Pabst interessiert, musste lange auf eine DVD-Ausgabe von DIE FREUDLOSE GASSE (1925) warten, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Bis vor kurzem waren lediglich eine verstümmelte, 60-minütige, vollkommen auf Garbo zugeschnittene amerikanische Version (DVD, Mill Creek Entertainment 2006) und eine 1989 von Enno Patalas am Filmmuseum München restaurierte, nicht viragierte 126 Minuten lange Version (VHS, Kino International 1990) frei verfügbar. Da nach Abschluss von Patalas’ Restaurierung verschollen geglaubte Szenen und qualitativ besseres Filmmaterial auftauchten, setzte dessen Nachfolger als Leiter des Münchner Filmmuseums, Jan-Christopher Horak, die Arbeit an einer Restaurierung und Rekonstruktion fort. Über deren enorme Schwierigkeiten hat Horak in „Der Fall DIE FREUDLOSE GASSE“ (In: Früher Film und späte Folgen. Hg. von Ursula von Keitz, Marburg 1998) ausführlich berichtet. Die verbesserte Version konnte 1997 fertig gestellt werden, warf aber trotz aller Fortschritte weiter Fragen zur Handlungsstruktur auf und wurde nicht auf DVD veröffentlicht. Speziell der universitären Lehre blieb daher nur die Wahl zwischen unterschiedlich fehlerhaften Versionen dieses auch durch seine problematische Rezeption mythischen Werkes. Im Münchner Filmmuseum (nun unter Stefan Drössler) wurde derweil weiter recherchiert und restauriert.
 
Jetzt, 20 Jahre nach der ersten Münchner Rekonstruktion unter Patalas und gut zehn Jahre nach Horaks Arbeit mit neu entdecktem Filmmaterial und weiteren Quellen, der erneuten Prüfung von Drehbuch, Kritiken und Zensurunterlagen, ist die neue Restaurierung und Rekonstruktion von DIE FREUDLOSE GASSE auf DVD erschienen – und zwar in gleich zwei ausgezeichneten, wissenschaftlich kommentierten Editionen. Großenteils gleichen sich die beiden Editionen: Sie basieren auf demselben, von Patalas und Horak restaurierten Filmmaterial und ordnen es auf fast identische Weise an. Im Detail zeigen sich Unterschiede bei der Rekonstruktion der fast vollständig verlorenen deutschen Zwischentitel und den eingefügten Informationen über weiterhin verschollene Szenen. Dass die Laufzeit der DVDs von 140 bzw. 151 Minuten differiert, liegt an der unterschiedlichen Vorführgeschwindigkeit von 19 bzw. 20 Bildern pro Sekunde sowie unterschiedlichen lang stehenden Zwischentiteln. Davon unbenommen stellen die beiden neuen Editionen einen bedeutenden Fortschritt gegenüber den bislang verfügbaren DVD- und VHS-Ausgaben dar: Sie schließen die Lücken im dritten Handlungsstrang des Films, der sich auf die dritte, von Herta von Walther gespielte weibliche Hauptrolle konzentriert, und liefern zudem eine historisch genaue, thematisch begründete Einfärbung und zusätzliche grafisch einheitliche Zwischentitel. Außerdem konnten mit Hilfe einer Programmbroschüre von 1925 frühere Missverständnisse hinsichtlich der die Wirtschaftslage behandelnden Nebenplots ausgeräumt und die halb tragische, halb glückliche Lösung am Schluss besser motiviert werden. (Die Eltern verbrennen im Haus, der Säugling wird gerettet.)
 
Die erste der beiden DVD-Ausgaben wurde 2008 vom Filmarchiv Austria in Wien in der Serie „Edition Film + Text“ herausgebracht; sie besitzt nur deutsche Zwischentitel. Die von Stefanie Gratzer geleitete digitale Restaurierung fällt sehr kontrastreich aus und lässt den Zuschauer intime Gesichtsausdrücke ebenso erkennen wie komplex geführte Handlungen über und durch spiegelnde Oberflächen. Sie ermöglicht es auch, eingefügte und für den filmischen Realismus bedeutsame Texte gut zu entziffern, darunter Visitenkarten, Straßenschilder und Namensschilder an Türen. Da die zeitgenössische Partitur zum Film verloren ist, hat Bernhard Stangl eine neue Begleitmusik für Streicher, Klavier und Schlagzeug komponiert. Die grünliche Virage, die irritierenden Irisblenden und die eindringliche Musik rufen eine unheimliche Stimmung voller dunkler Ahnungen hervor, die körperlich spürbar sind und zugleich die Reflektion des Betrachters über die Ursachen eines sich durchziehenden Gefühls der Unruhe in Gang setzen. Vornehmlich entspringt diese Unruhe der Spannung zwischen den Ambitionen der Männer und der Sexualität der Frauen, zwischen der Arglist, der bewussten Naivität und Passivität auf Seiten der alten patriarchalischen Ordnung und der Habgier und den Manipulationen der Ausländer.
 
Die große Besonderheit der Wiener Edition ist das dazugehörige, von Armin Loacker herausgegebene Buch. Es enthält Aufsätze über die Hintergründe der Produktion, das Drehbuch und die Ausstattung sowie über Genderfragen, Ökonomie und Moralität in DIE FREUDLOSE GASSE. Was den Zusammenhang zwischen der im Film thematisierten Wirtschaftskrise und den Schwierigkeiten der internationalen Filmproduktion in der ersten Hälfte der 1920er Jahre betrifft, kann etwa Armin Loacker ältere Missverständnisse korrigieren, indem er die Beziehungen zwischen der Berliner Sofar-Film Produktion, die DIE FREUDLOSE GASSE finanzierte, und einer gleichnamigen französischen Firma untersucht; er rückt so die Angaben aus Michael Pabsts späterem Interview mit seinem Vater über die Produktionsgeschichte des Films gerade. Jürgen Kasten geht diversen, miteinander verzwirbelten Strängen in den Biografien und im Filmschaffen des Regisseurs Pabst und des Drehbuchautors Willy Haas nach und verdeutlicht die synergetischen Effekte ihrer Zusammenarbeit. Ursula von Keitz’ genaue topografische Analyse der sexuellen und wirtschaftlichen Austauschbeziehungen in den im Film abgetrennten Räumen steht Siegfried Mattls Geschichte der Inflation und ihrer psychologischen und politischen Spuren im Wiener Stadtleben gegenüber. Dies wiederum ergänzt Gerhard Vana durch eine Analyse und historische Einordnung der Filmarchitektur und Ausstattung: Die drei Texte von Keitz, Mattl und Vana stehen noch etwas unverbunden nebeneinander und regen dazu an, die hier vorgestellten Facetten auf eine Weise miteinander zu verknüpfen, die das Buch nicht leisten kann. Den Band beschließen Ausführungen von Uli Jung, Jan-Christopher Horak, Stefanie Gratzer, Heinrich Deisl und Bernhard Stangl über die populäre und wissenschaftliche Rezeption von DIE FREUDLOSE GASSE, die Geschichte der Rekonstruktion und Restaurierung sowie die neue Komposition. Das Buch ist reich illustriert mit schwarzweißen und eingefärbten Setaufnahmen und Porträts; zusätzlich sind wichtige Dokumente abgedruckt, darunter ein Brief von Hugo Bettauer, dem Autor des zugrundeliegenden Romans, an Pabst und der Bericht der Berliner Zensurbehörde von 1925, in dem Schnittauflagen erteilt werden. Dieser ersten amtlichen Kürzung folgten noch viele andere in allen möglichen Ländern, die wiederum dazu führten, dass rund um den Globus lauter verschiedenartig verstümmelte Versionen von DIE FREUDLOSE GASSE in Archiven und Sammlungen liegen.
 
Die andere, aus zwei DVDs bestehende Edition von DIE FREUDLOSE GASSE erschien 2009 in der Edition Filmmuseum und bietet neben den deutschen erfreulicherweise auch englische Zwischentitel. Die im Münchner Filmmuseum von Stefan Drössler betreute digitale Restaurierung fällt in den Kontrasten und der Auflösung weicher aus als die des Filmarchiv Austria und verzichtet im Gegensatz zu ihr darauf, die Benutzungsspuren auf dem Filmmaterial möglichst zu tilgen. Wer die Textur einer alten Zelluloidkopie auch auf einer DVD schätzt, wird diese zweite Ausgabe bevorzugen. Die von Aljoscha Zimmermann komponierte, melodiöse Begleitmusik für Violine, Cello und Klavier akzentuiert das melodramatische Element. Anders als Stangls Komposition, die auch eine Reflektion über die Verantwortung bestimmter Figuren und Parteien für die Krise anstoßen will, macht es den Eindruck, als werde in Zimmermanns Komposition die Beschreibung wirtschaftlicher und sozialer Missstände eher an jene allgemein als dekadent und abgründig empfundene Atmosphäre zurückgebunden, die mit den „Goldenen Zwanzigern“ assoziiert wird.
 
Die Zwischentitel und Zusatzinformationen über verschollene Szenen beziehen sich in der Münchner DVD teilweise auf andere Film- und Textquellen als die Wiener DVD; insgesamt gehen die Zwischentitel der Münchner DVD etwas ausführlicher auf die Erzählung ein. Dagegen werden die thematischen Verknüpfungen manchmal nicht so explizit benannt wie in der anderen Ausgabe, etwa im Fall der parallelen Vater-Tochter-Beziehungen in den Familien Rumfort, Lechner and Rosenow. Das 18-seitige Begleitheft versammelt eine Reihe kurzer, informativer Aufsätze: Klaus Volkmer zeichnet die Geschichte des Films vom Drehbuchentwurf bis zur Zirkulation diverser Fassungen für das Ausland nach, Drössler berichtet über die verschiedenen Rekonstruktionsversuche (dieser Text ist auch auf englisch abgedruckt) und Werner Sudendorf geht in einem amüsanten Beitrag der mittlerweile widerlegten Legende auf den Grund, Marlene Dietrich habe als Komparsin in der Szene vor der Metzgerei mitgewirkt. Ferner enthält das Booklet farbige Stills, Aquarelle des Setdesigners Otto Erdmann, Werbeplakate, Einladungskarten und einen Brief Herta von Walthers, in dem sie mit der Dietrich-Legende aufräumt.
 
Im CD-Rom-Bereich der zweiten DVD finden sich mehrere Aufsätze aus dem von Armin Loacker herausgegebenen Begleitband der Wiener DVD, wobei leider die Beiträge von Kasten, Keitz und Jung fehlen. Dafür können allerdings in der Rubrik „Vorlage und Drehbuch“ der komplette Roman von Bettauer, ein Filmtreatment, ein Drehbuch und ein mit Notizen des Regieassistenten Mark Sorkin versehenes Drehbuch miteinander verglichen werden. Neben einem Briefwechsel zwischen Bettauer und Pabst, dem Prüfbericht der deutschen Zensurbehörde, Setaufnahmen, Postern und Werbeaufnahmen enthält der Rom-Bereich auch Horaks Aufsatz von 1998 in einer deutschen und englischen Version. Darüber hinaus bietet die Zusatz-DVD die zweistündige Dokumentation über Pabsts Leben und Werk von Hannah Heer and Werner Schmiedel, DER ANDERE BLICK (1991/2009), die 20-minütige, vor allem auf die Zeitkontexte eingehende Dokumentation PABST WIEDERSEHEN (1997) von Wolfgang Jacobsen, Martin Koerber und René Perraudin sowie Ausschnitte aus zwei Toninterviews mit Mark Sorkin.
 
Das Nebeneinander von rekonstruierter Fassung, Reproduktionen seltener archivalischer Quellen, Dokumentarfilmen und wissenschaftlichen Aufsätzen eröffnet Forschern, Studenten und weiteren Interessierten Liebhabern ganz neue Möglichkeiten, sich intensiv mit dem Film und seinen vielfältigen Deutungen auseinanderzusetzen. Das flexible Arrangement von audiovisuellem, visuellem und schriftlichem Material in dieser DVD-Ausgabe sollte andere Forscher dazu ermutigen, Filmgeschichte samt der Geschichte von Produktion und Verleih, populärer und wissenschaftlicher Rezeption ebenfalls multimedial zu schreiben, also nicht nur Quellen unterschiedlicher medialer Beschaffenheit zu berücksichtigen, sondern auch neue mediale Publikationsformen zu testen.
 
Die beiden neuen DVD-Editionen markieren eine wichtige Station in der faszinierenden und höchst verworrenen Geschichte der Entstehung und des Nachlebens von DIE FREUDLOSE GASSE. Immer noch sind die Rekonstruktionen im Vergleich mit der Originalfassung um ungefähr eine halbe Stunde kürzer. So, wie beide DVD-Editionen neu aufgefundenes Material und neue Zwischentitel enthalten und teilhaben an der Herstellung eines sich weiter verändernden, immer noch unvollständigen Filmtextes, so formulieren das begleitende Buch bzw. das Booklet und die zusätzliche DVD-Rom auf Grundlage neuer oder kaum beachteter Quellen wichtige Erkenntnisse und Ansätze für das Verständnis des Films, auf denen zukünftige Forschungen und Revisionen aufbauen werden. Die technischen und ästhetischen Möglichkeiten der Präsentation des Films auf DVD sind ohne Beispiel. Wer englische Untertitel benötigt oder gleich auf die Primärquellen zugreifen möchte, wird die Ausgabe der Edition Filmmuseum favorisieren; für wen dies nicht ausschlaggebend ist und wer sich für die tiefer reichenden Verschränkungen zwischen DIE FREUDLOSE GASSE und der österreichischen Kulturgeschichte interessiert, wird wohl die Ausgabe des Filmarchiv Austria wählen. Als Rezensentin empfehle ich allerdings Bibliotheken, Forschern und Sammlern die Anschaffung beider DVD-Editionen: Sie ergänzen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Präsentation und Begleitmaterialien sehr gut. (Sara F. Hall)
 
 
 
 
Sara F. Hall ist Associate Professor of Germanic Studies an der University of Illinois in Chicago. Gegenwärtig forscht sie über den polizeilichen Gebrauch von Filmtechnik, weibliche Regisseure im frühen Kino und die Geschichte der Filmzensur. Ihr Buch The Investigating Camera: Film and the Production of Law and Order in Germany 1919-1931 erscheint demnächst.
 
 
Filmblatt 43 – Besprechungen online
Veröffentlicht am 9.11.2010
Redaktion: Ralf Forster, Michael Grisko, Philipp Stiasny, Michael Wedel
URL: http://www.filmblatt.de/index.php?aid=418
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